Archive of ‘Gender In Games’ category

Girls don’t play games

In: tv diskurs. Verantwortung in audiovisuellen Medien

20. Jg., 2/2016 (Ausgabe 76), S. 66-69

Mädchen spielen keine Videospiele“ ist ein Gerücht, das bis heute oft als unumstößliche Tatsache präsentiert und als Grund dafür genannt wird, sich weniger intensiv um die weibliche Zielgruppe zu bemühen. Dabei hat die Spieleindustrie selbst dazu beigetragen, Vorurteile gegenüber Frauen zu schüren – und damit die Basis für gegenwärtige Probleme in der Branche geschaffen, die nur langsam beseitigt werden können.

Link zum Artikel: http://fsf.de/data/hefte/ausgabe/76/kiel_games_066_tvd76.pdf

Random Encounters: Cibele

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Im Alter von 13 Jahren entdeckte ich das Internet. Bald wurde ich ein aktives Mitglied in diversen Foren und knüpfte enge Kontakte mit anderen Menschen, die sich hinter Avataren verbargen – darunter Freundschaften wie auch erste Beziehungen. Was heute – wenngleich eher durch Facebook und Dating-Apps – durchaus geläufig ist, war damals allerdings noch ein Kuriosum. Konnte man auf die Frage, wie man sich denn kennengelernt habe, nicht nonchalant mit „auf der Sonnenbank“ oder „an der Fleischteheke“ antworten, sondern nur leise flüsternd und leicht errötend mit „im Internet“, landete man ganz schnell auf dem sozialen Abstellgleis.

Schlimmer noch erwischte es nur jene bedauernswerten Nerds, die zögerlich einräumen mussten, ihre Gefühle füreinander in einem MMORPG entdeckt zu haben. Dabei erwiesen sich gerade Online-Rollenspiele oft als idealer Nährboden für Zuneigung und Intimität, bedingt sowohl durch die gemeinsam erlebte Außenseiterrolle als auch geteilte Vorlieben, für die man im Dorfalltag die Massen nur schwer begeistern konnte. Diese Erfahrung hat auch Nina Freeman gemacht, wie sie in Cibele schildert.

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Random Encounters: Osawari Island

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„Schnapp‘ sie dir alle!“
, so lautete der Imperativ im schönen Jahre 1999, und ich tat wie geheißen: Nach und nach füllte sich ein dicker Aktenordner mit Pokémon-Sammelkarten, das blaue Gameboy-Modul mit erfolgreich bestrittenen Kämpfen. Ich lernte mit mehr Elan die Namen der zunächst 151 Pocket Monster auswendig als die eigentlich drängenden Französischvokabeln. Abwegig, geradezu lächerlich erschien damals der Gedanke, dass jemand etwas lieber zusammentragen könnte als eine Kollektion knallbunter Fantasiewesen.

Ultra Adventure! Go Go Osawari Island hat mich nun, fast zwei Jahrzehnte später, eines besseren belehrt. Denn, so zeigt sich, auch überwiegend spärlich bekleidete Frauen lassen sich vortrefflich sammeln, tauschen und verkaufen. Bei diesen sogenannten „Eromon“ handelt es sich um die verkörperten Gelüste schöner Frauen und so sind sie nur folgerichtig dauerwillig – sehr zur Freude des Protagonisten, der nach einem Schiffsunglück auf Osawari Island strandet und sich völlig überraschend als einziger Mann weit und breit entpuppt. Eben drum wird er denn als frischgebackener Helfer einer aus unerfindlichen Gründen vor Ort residierenden, verrückten Wissenschaftlerin damit beauftragt, Eromon zu rekrutieren, um damit ihre sehr vagen Weltherrschaftspläne zu unterstützen.

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Random Encounters: Rinse and Repeat

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Die Kunst des Wartens ist eine allmählich aussterbende. Immer seltener stehen wir, bedingt durch die ständige Verfügbarkeit von Unterhaltungsmedien, durch ÖPNV- und Dating-Apps, vor der Alternativlosigkeit des Ausharrens, des Sehnens, der vermeintlichen Stagnation. Alles ist auf Abruf bereit, eine schier unendliche Auswahl von Spielen und Spielgefährt_innen, vor allem dem Internet sei’s gedankt.

Mit Rinse and Repeat versucht Robert Yang, dem etwas entgegenzusetzen. Denn die homoerotische Duschsimulation folgt einem Zeitplan und nur jene, die sich danach richten, werden in den Genuss einer intimen Begegnung kommen: Mit einem sonnenbebrillten Hünen, der stets nach dem Sport lässig in den Umkleidebereich schlendert, um dort nonchalant um Hilfe bei der Körperpflege zu bitten. Trifft man indes zu spät ein, wird der Angebetete entweder durch Abwesenheit glänzen oder empört fragen, wo man denn geblieben sei, um danach prompt zu verschwinden.

Nur, wenn man am richtigen Tag zur richtigen Zeit bereits sehnlich lauernd in der Dusche steht, darf man dem Muskelprotz mal den Rücken, mal die Achseln und mal den Hintern schrubben, während er den Prozess kommentiert und abschließend mit einer Prozentwertung resümiert. Wäscht man zu zögerlich oder zu hektisch, verlässt man das markierte Areal auf dem Körper oder tut gar nichts, reagiert der Duschpartner entsprechend grantig – folgt man seinen Wünschen genau, seufzt er hingegen zufrieden und bittet darum, fortzufahren. Das kann man jedoch nicht konsequent bis zum ersehnten Höhepunkt. Stattdessen bedankt sich der frisch Geduschte nach einer Weile und verweist auf eine mögliche, nächste Begegnung, die man wiederum herbeiführen oder vielmehr abwarten muss.

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Random Encounters: Sex Drive

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Ein weithin bekannter Vorteil dieser Sexkolumne ist das stete Eröffnen neuer Horizonte, eines frischen Blicks auf die Welt – die Erweiterung des eigenen Wissensschatzes. Jedenfalls wusste ich vor der Recherche für diesen Artikel nicht um die massive Fetischisierung von Agrarerzeugnissen, obwohl sie offenkundig unverblümt auf die Straßen dieser Welt getragen wird.

Eben das tut auch Sex Drive – Fruity Call, in dem es gilt, während der Fahrt durch eine von diversesten Früchten frequentierte Straße heiße Kurznachrichten auf dem Smartphone schlagfertig zu beantworten – und dabei möglichst wenig Obst über den Haufen zu fahren. Das nämlich hat keine Verkehrserziehung genossen, flaniert und fährt unbeschwert umher und segnet daher schnell das Zeitliche, wenn nicht wenigstens die Knolle hinter dem Steuer aufpasst. Doch die ist vorrangig damit beschäftigt, ihre schwindende Saftigkeit durch andauerndes Sexting zu erhalten.

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Random Encounters: Tapes

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Behinderte Menschen haben keinen Sex. Dieser Mythos hält sich bis heute beharrlich, so oft ihn glückliche Paare, Sexualbegleiter_innen und Dokumentationen über deren Alltag auch widerlegen. Der vom normierten Schönheitsideal abweichende, eingeschränkt bewegliche Körper wird als unerotisch empfunden und gesellschaftlich daher nicht als aktiver Part eines Geschlechtsakts akzeptiert. Dabei ist Sex weit mehr als eine pornografisch inszenierbare Form der Penetration und daher für die meisten Betroffenen durchaus umsetzbar.

Marras Vedenoja leidet am Ehlers-Danlos-Syndrom, das sich in ihrem Fall durch eine verstärkte Tendenz zu ausgerenkten Gelenken, chronische Schmerzen und Muskelverkürzungen auszeichnet. Letztere erfordern, dass die junge Frau regelmäßig bestimmte Körperpartien mit Tapes beklebt, um sie zu dehnen – ein aufwändiger und unangenehmer Prozess, der allein nur schwer zu bewerkstelligen ist. Dieses alltägliche Vorgehen allerdings wird zum erotischen Akt, als ihr Partner bereitwillig seine Hilfe anbietet. Sorgfältig tastet er den weichen Rücken ab, erfühlt die angespannten Muskeln, bringt sorgsam die schwarzen Baumwolbänder darauf an.

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Random Encounters: Kindness Coins

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Man kann gar nicht oft genug darauf hinweisen, wie verquer unsere Vorstellung von Romantik bisweilen ist und wie oft gängige Missverständnisse unhinterfragt weitergetragen werden – insbesondere in Videospielen. Rette ich die Prinzessin, schenkt sie mir ihr Herz. Bin ich freundlich und interessiert, ist das der sichere Weg zur Partnerschaft. Kurzum: Füttere ich einen Menschen mit Kindness Coins, purzelt Zuneigung exakt so verlässlich aus ihm heraus wie der Schokoriegel aus dem Süßigkeitenautomaten.

Sich diesem Problem ausgerechnet durch eine Dating-Sim anzunähern, erscheint eigenwillig, ist doch gerade dieses Genre berühmt-berüchtigt für seine einseitige Darstellung von Zwischenmenschlichkeit. Arden Kehoe allerdings, selbst glühender Fan entsprechender Spiele, dekonstruiert deren Grundprinzipien sehr effektiv durch eine simple Entscheidung: Die Hauptfigur von Kindness Coins ist kein schüchterner, junger Mann, der auszieht, seine große Liebe zu finden – sondern seine große Liebe.

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Was Frauen wollen: She Might Think

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Die Frau: Als gebürtige Venusianerin ist ihr die irdische Kunst des Einparkens fremd. Stets stopft sie nur Beilagensalat oder fettreduzierten Joghurt in ihr Lästermaul, denkt derweil insgeheim an Süßigkeiten und danach, weinend, an ihre verlorene Jugend. Trost findet sie allein im exzessiven Erwerb von Schuhen oder Taschen, wenn ihr Freund wieder auswärts Fußball schaut, anstatt ihr Daheim zum fünfzigsten Mal augenrollend die Abseitsregel zu erklären. Oder wenn er sie nicht versteht, weil sie – dieses irrationale Emotionsbündel – in Rätseln spricht. Kennste, kennste, kennste.

Im Jahr 2015 scheint immer noch nicht geläufig zu sein, dass weder das weibliche noch das männliche Geschlecht eine homogene Masse mit Kollektivbewusstsein ist. Diesem Unwissen wollen Marion Esquian und Ludivine Berthouloux mit She Might Think etwas entgegensetzen: Echte Stellungnahmen von Frauen. Jene sechs Figuren nämlich, die im Spiel eine Wohnung besichtigen, sind allesamt Freundinnen der beiden Entwicklerinnen oder ihnen selbst nachempfunden.

Die Interaktion mit den Charakteren beziehungsweise deren Umfeld ist auf wenige Gegenstände beschränkt, die über das gesamte Appartment verteilt sind – darunter ein Fußball, eine Konsole, Bierflaschen und hochhackige Schuhe. Klickt man diese an, beziehen die Mieterinnen in spe individuell Stellung dazu, schwärmen hier von Strandspaziergängen und Make-Up oder blicken dort despektierlich in die Küche, auf das Diätbuch im Schrank und das schmutzige Geschirr in der Spüle.

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Random Encounters: Cute Demon Crashers

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Wenn die These vom Spiel als Männerdomäne jemals greift, dann wohl im Hinblick auf erotische Dating-Sims. Junge Männer initiieren anregende Intermezzi mit ihren besten Freundinnen, Mitschülerinnen, mit Lehrerinnen, Cousinen, Müttern und Töchtern, Aliens, Androiden, Rittersfrauen, sexy Vampirnonnen und gelegentlich deren gesamter Sippschaft. Frauen indes warten meist verschämt dreinblickend in Schulbibliotheken auf Schwarm oder Tentakelmonster, um anschließend keine prägnantere Rolle denn jene als Leinwand für expressionistische Spermamalerei zu bekleiden.

Dezidierte Sexspiele für Frauen gibt es so gut wie keine. Die auf eine weibliche Zielgruppe zugeschnittenen Otome-Spiele rücken zwar entsprechende Identifikationsfiguren in den Vordergrund, zugleich jedoch fast immer subtil-romantische Szenarien, in denen dem Geschlechtsverkehr keine signifikante Rolle zukommt. Für viele Spielerinnen ist das enorm frustrierend, finden sie sich doch in angerendem Material fast immer nur als Objekte der Begierde, nicht als handelnde Subjekte wieder.

Cute Demon Crashers kehrt gleich mehrere dieser Grundsätze um: Im Zentrum des Spiels steht eine junge Studentin namens Claire, die als einzige aus dem gesamten Freundes- und Familienkreis während der Frühjahrsferien zu Hause geblieben ist und Trübsal bläst. Denn während ihre Freundinnen den kollektiven Chat als Liveticker für ihr Beziehungsglück zweckentfremden, muss sie sich mit der Gesellschaft ihrer rechten Hand begnügen. Bis urplötzlich eine Gruppe halbnackter Dämonen vor ihrem Bett steht, die der sehr verdutzten Hauptdarstellerin Sex anbietet.

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Random Encounters: Striptease

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Als kürzlich ein Saunaclub meine gesamte Nachbarschaft mit riesigen Werbeplakaten volltapezierte und „eine große Auswahl heißer Girls“ versprach, verlieh eine anonyme Person ihrem Ärger darüber Ausdruck, indem sie auf jedes einzelne davon eine Notiz mit folgenden, großgedruckten Worten klebte: „Wir Frauen sind keine Ware“. Doch in der allgemeinen Wahrnehmung werden Sexualdienstleisterinnen allzu häufig mit Objekten gleichgesetzt, das gilt insbesondere für Stripperinnen.

Das 2009 von Stephen-„Increpare“-Lavelle veröffentlichte Spiel Striptease bezieht sich auf diese Problematik und mag nach sechs Jahren sicherlich nicht mehr als neu gelten, an seiner Aktualität aber hat sich nichts geändert. Lavelle bedient sich einer simplen Spielmechanik, um sehr eindringlich Stellung zum Thema zu beziehen, während durch Texte vermittelte Informationen in den Hintergrund treten. In einem kleinen, rechteckigen Fenster ist eine kantige Frau abgebildet, links daneben die gleiche Figur in fragmentierter Form.

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